Leseprobe
Jeffrey Clayton lehnte sich wieder zurück, seufzte einmal tief und öffnete die billige Metallschnalle, mit der die Tasche verschlossen war. Er zog drei braune Umschläge heraus, warf rasch einen Blick in alle drei und sah, dass jeder mehr oder weniger dasselbe enthielt und auch mehr oder weniger das, was er erwartet hatte; Tatortfotos, gekürzte Polizeiprotokolle sowie einen Autopsiebericht für jedes der drei Opfer. So fängt es immer an, dachte er. Ein Polizist mit ein paar Fotos, der glaubt, ich brauchte nur diese Bilder zu sehen und – Abrakadabra – ich weiß, wer der Mörder ist. Er seufzte laut, öffnete jedes Dossier und breitete den Inhalt auf dem Boden aus.
Kaum kamen die Fotos ans Licht, wusste er, weshalb der Fall Agent Martin zu schaffen machte. Drei verschiedene tote Mädchen, alle, nahm er an, zwischen dreizehn und fünfzehn, alle mit ähnlichen klaffenden Schnittwunden am nackten Körper, alle post mortem in ähnliche Stellungen gebracht. Ein Rasiermesser?, war sein erster Gedanke. Ein Jagdmesser vielleicht? Jedes Mädchen lag mit dem Gesicht nach oben nackt auf der Erde, die Arme seitlich ausgestreckt. In dieser Stellung ließen sich Kinder gewöhnlich in Neuschnee fallen, um den Abdruck eines Engels zu formen. Er entsann sich, wie er selbst als Kind solche Figuren gezaubert hatte, bevor sie nach Süden zogen. Er schüttelte den Kopf. Eindeutig religiöse Symbolik, stellte er fest. Es war, als seien sie gekreuzigt worden, und das stimmte auf eine abstruse Art wohl auch. Er warf einen weiteren fl üchtigen Blick auf die Bilder und sah, dass jedem Opfer der rechte Zeigefi nger abgetrennt worden war. Er hatte den Verdacht, dass ihnen noch ein anderes Körperteil fehlte oder auch eine Strähne Haar. »Du verzichtest bestimmt nicht auf ein Souvenir«, sagte er laut zu dem Mörder, der in seinem Kopf unerbittlich Kontur annahm, so als säße er auf dem Sessel ihm gegenüber, erst schemenhaft, dann beinahe mit Händen zu greifen.
Er warf einen Blick auf die jeweilige Umgebung, in der die Leichen lagen. In einem Fall schien es ein Wald zu sein, und das junge Mädchen ruhte auf einer fl achen felsigen Fläche. Die zweite sah nach Morast aus, mit dicht verschlungenen Kletten- und Rankenpfl anzen. Nicht weit von einem Fluss, dachte Jeffrey. Im dritten Fall war es schwer zu sagen; wieder schien es sich um eine ländliche Gegend zu handeln, doch das Verbrechen hatte offensichtlich Anfang Winter stattgefunden; rund um die Leiche lag hier und da frischer Schnee, der nur teilweise weggeschmolzen war. Auf der Suche nach Blut sah er sich diese Partien genauer an, fand jedoch kaum Spuren. »Du hast sie also erst in deinen Wagen gepackt, nachdem du sie getötet hast, was?« Er schüttelte den Kopf. Das stellte natürlich ein Problem dar. Es war immer leichter, einen Leichenfundort auszuwerten, wenn er zugleich der Tatort war.
Leichen, die weggeschafft worden waren, stellten die Ermittler grundsätzlich vor Probleme.
In Gedanken versunken stand er auf und kehrte in die Küche zurück, wo er sich noch ein Glas Wodka eingoss. Wieder nahm er einen langen Zug und nickte, als er das angenehm leichte Gefühl im Kopf spürte. Mit einem Schlag war ihm bewusst, dass seine Kopfschmerzen verfl ogen waren, und er kehrte zu dem Beweismaterial auf dem Boden des kleinen Wohnzimmers zurück.
Er führte weiter Selbstgespräche in einer Art Singsang, so wie ein Kind, das allein in einem Zimmer spielt: »Autopsie, Autopsie, Autopsie. Wette zwanzig Mäuse, dass die Mädels allesamt post mortem vergewaltigt wurden und dass du nicht ejakuliert hast, mein Freund, hab ich recht?« Er fand die drei Berichte und blätterte sie durch, bis er den Vermerk des Pathologen hatte, nach dem er suchte.
»Ich gewinne«, stellte er laut fest. »Zwanzig Mäuse, zwei Zehner, zwanzig Piepen, Kinderspiel. Volltreffer, wie immer.«
Er nahm noch einen Drink. »Falls du ejakuliert hast, dann, als du sie getötet hast, richtig?
Denn da gehst du richtig ab, das ist der Moment für dich. Der Lichtmoment? Eine gewaltige Explosion, die hinter deinen Augen aufbrandet, bis in die letzten Winkel deines Hirns, deiner Seele? Eine Art Verzückung, ganz und gar unglaublich, dass du von Ehrfurcht ergriffen bist?«
Er nickte. Er sah sich im Zimmer um, deutete auf einen leeren Sessel und sprach, als hätte der Mörder gerade den Raum betreten: »Willst du dich nicht setzen? Mach’s dir bequem!« In
Gedanken formulierte er eine Personenbeschreibung. Nicht allzu jung, dachte er. Irgendwie unauffällig. Weiß. Wirkt nicht bedrohlich. Vielleicht eher wie ein Schlappschwanz oder Trottel. Auf jeden Fall ein Eigenbrötler. Er musste lachen, als sich der Mörder, der ihm gegenübersaß, Stück für Stück zusammenfügte, denn er beschrieb nicht nur einen typischen Serienmörder, sondern auch sich selbst. Er unterhielt sich weiter mit dem gespenstischen Besucher, und seine Stimme nahm einen sarkastischen, etwas müden Tonfall an.
»Weißt du was, Kumpel? Ich kenne dich. Ich kenne dich sogar gut, hab dich schon ein Dutzend Mal, was sag ich, hundertmal gesehen. Ich hab dich vor Gericht gesehen. Ich hab dich in deiner Gefängniszelle befragt. Ich hab eine ganze Latte an wissenschaftlichen Untersuchungen mit dir angestellt, deine Größe, dein Gewicht, deinen Appetit taxiert. Von Rorschach- und Minnesota-Multiphasen- bis zu IQ- und Blutdruck- Tests – das ganze Programm. Ich hab dir Blut abgezapft und deine DNA analysiert. Verdammt, ich war sogar nach deiner Exekution bei deiner Autopsie dabei und hab Gewebeproben von deinem Hirn unter dem Mikroskop gehabt.
Ich kenne dich wie meine Hosentasche. Du hältst dich für einmalig und allmächtig, aber, tut mir leid, mein Junge, das bist du nicht. Du hast dieselben gottverdammten Neigungen und Perver sionen wie tausend andere von deinem Schlag. Es gibt tausend Fallstudien, die dich beschreiben. Du geisterst durch beliebte Unterhaltungsromane. In der einen oder anderen Form läufst du schon seit Jahrhunderten herum. Falls du dich wirklich für was Besonderes hältst und dir einbildest, du hättest dämonische Kräfte, dann liegst du verdammt daneben.
Du bist ein Klischee. So banal wie ein Schnupfen im Winter. Das hörst du nicht gerne, stimmt’s? Da meldet sich diese wütende Stimme in dir und fängt an zu geifern und alle möglichen Forderungen auszuspucken. Hab ich recht? Am liebsten würdest du rausmarschieren und den Mond anheulen und dir vielleicht das nächste Mädchen greifen, nur um mir zu beweisen, dass ich mich irre, hm? Aber soll ich dir was sagen, Junge? In Wahrheit ist das einzig Besondere an dir, dass sie dich bis jetzt noch nicht geschnappt haben und dass die Aussichten für dich nicht schlecht sind, noch eine Weile auf freiem Fuß zu bleiben. Und zwar nicht, weil du so wahnsinnig schlau bist, wie du bestimmt denkst, sondern weil niemand die verfl uchte Zeit oder Lust hat, dich zu jagen; weil sie Besseres zu tun haben, als Per verslingen hinterherzulaufen, auch wenn ich beim besten Wil len nicht sagen kann, was sie unter was Besserem verstehen. Jedenfalls ist das meistens der Grund.
Sie lassen dich in Ruhe, weil es niemanden besonders interessiert. Du bist einfach nicht die riesengroße Nummer, für die du dich hältst …«
Er seufzte, kramte in der Mappe nach der Nummer, die laut Agent Martin dort irgendwo notiert war, und fand sie tatsächlich auf einem Zettel. Er warf noch einmal einen kurzen Blick auf die Fotos und die Unterlagen, um ganz sicherzugehen, dass er nicht irgendetwas Aufschlussreiches übersehen hatte, das ins Auge sprang. Er trank noch einen Schluck Wodka und ärgerte sich darüber, dass ihn bei den indirekten Drohungen des Polizisten eine böse Vorahnung und eine diffuse Angst gepackt hatten.
Wer ich wirklich bin?
Er seufzte seine Antwort: Ich bin, der ich bin.
