• Home
  • Autor
  • Buecher
  • Extras

 

Seite 2

Es passiert nicht viel – und doch alles Mögliche

 

Aber jeder Romanautor, zumindest jeder gute Romanautor, lebt nicht unbedingt in der Welt, in der er schreibt, sondern in der, über die er schreibt. Jeden Tag reise ich durch die Landschaft meiner Fantasie. An einem Tag bin ich ein Patient in einer psychiatrischen Klinik, denke über eine Mordserie nach und sehe die Wahrheiten mit den Augen eines Schizophrenen. An einem anderen bin ich dann der Vater einer Tochter, die das Stalking-Opfer eines erbarmungslos besessenen jungen Mannes ist, der mein Leben in jeder denkbaren Hinsicht bedroht. In der Vergangenheit war ich einmal ein Kriegsgefangener, der, bedrängt von Rassenproblemen und Hass, nicht nur Gerechtigkeit suchte, sondern auch den Beteiligten gegenüber fair handeln wollte. Oder ein New Yorker Psychoanalytiker, der in ein tödliches Spiel um Rache hineingezogen wird. Wenn ich so durch meine Fantasiewelt wandle, sehe ich verstreut umher liegende Leichen, einige Waffen; ich kann mir ein Dickicht voller Angst, Gräben voller Zweifel, die aufgeworfene Erde von Verzweiflung und Hoffnung vorstellen. Die Länge meiner Schritte kann verkürzt werden durch Ranken des Bösen, die sich um meine Knöchel schlingen; durch Entschlossenheit kann ich mich wieder befreien. Wenn ich so reise, begleiten mich die Menschen, die ich auf dem Papier geschaffen habe. Sie sprechen mit mir, machen Vorschläge, drängen mich, Mauern hochzuklettern, Flüsse zu durchschwimmen, mich gegen das Schicksal und alle Widrigkeiten des Lebens aufzubäumen. Während ich an einem Roman schreibe, gehe ich mit den Charakteren durch dick und dünn. Ich begrüße sie, wie man alte Freunde begrüßt, wissend, dass sie mich jeden Tag in Beschlag nehmen und durch das Labyrinth der Wörter und Seiten führen werden.

Es ist schon merkwürdig, aber ich glaube, es gibt nichts, was so viel Spaß macht, einem so viel Angst einjagt, einen so sehr dazu zwingt, sein Herz und seine Seele zu erforschen, oder auf eine solche befriedigende Weise endet wie das Schreiben eines Romans. Wenn ich das Ende erreiche, fühle ich mich, als ob ich einen Haufen neuer Leute kennengelernt hätte. Ich erwarte immer, dass sie mich über viele Jahre begleiten – auch dann, wenn ich so grausam war, sie auf den Seiten meines letzten Buches getötet zu haben.

ZURÜCK   SEITE 1 2

REMINDER

Wir informieren Sie, sobald
ein neuer Roman erscheint.

» Anmelden
VERANSTALTUNGEN

John Katzenbach
ganz in Ihrer Nähe

zu den Veranstaltungen

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

This site conforms to the following standards: