Frage: In Ihren Büchern spielt Psychologie eine wichtige Rolle. „Die Anstalt“ beispielsweise setzt sich direkt mit der Psychiatrie auseinander. Woher kommt die Faszination für diesen Stoff?
John Katzenbach: Psychologie kommt in all meinen Büchern vor, weil sich echte Dramatik aus menschlichen Gefühlen entwickelt. Wenn die Ängste, die meine Charaktere ausstehen, für den Leser nachvollziehbar sind, werden diese sehr viel authentischer. Die Leser sollen gefesselt sein von der Lektüre, sie sollen dieselbe gefährliche Reise machen wie die Helden meiner Bücher. Oft geht es wie im Märchen zu, sei es nun in Filmen, Büchern oder dem Theater. Damit meine ich, dass wir im Grunde schon vorher wissen, dass es gut ausgehen wird für Spiderman. Ich möchte meinen Lesern mehr bieten – und Ungewissheiten sind immer aufregender und fordern mehr emotionale Beteiligung.
Frage: Ihre Mutter ist Psychologin und arbeitet auch heute noch in hohem Alter in diesem Beruf. Konnten Sie von ihr lernen?
John Katzenbach: Meine 84-jährige Mutter arbeitet in der Tat noch immer als Psychologin. Sie hat ein sehr gutes Gespür dafür, wie Leute auf Stress reagieren. Das ist eine Eigenschaft, auf die ich mich oft verlassen habe, wenn ich für meine Bücher recherchierte.
Frage: Heißt das, dass John Katzenbach auch Psychologe sein könnte?
John Katzenbach: Wie bitte? Ich, ein Psychologe? Meine Frau sagt oft im Scherz, ich hätte überhaupt nur zwei Möglichkeiten gehabt: Schriftsteller oder Verbrecher werden. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ihr Letzteres nicht lieber gewesen wäre.
Frage: Würden Sie sagen, Sie haben ein neues Genre geschaffen? Oder gibt es in diesem speziellen Bereich Bezugspunkte, Vorbilder?
John Katzenbach: Ich glaube eigentlich nicht, dass ich ein neues Genre geschaffen habe. Aber wahrscheinlich habe ich mir eine Nische in der Welt der Thriller erobert. Die meisten Autoren dieses Genres kreieren Ermittler, Gerichtsmediziner oder Privatdetektive. Diese Leute betreten den Tatort ausgestattet mit besonderen Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, die bösen Jungs zu schlagen. Mir liegt etwas anderes mehr: Im Zentrum meiner Geschichten stehen ganz gewöhnliche Leute; Leute, in denen man sich wiedererkennen kann. Diese Charaktere sind unabdingbar darauf angewiesen, eigene Kräfte zu mobilisieren – selbst wenn diese in ihrer Mittelklasseexistenz verschüttet gegangen sein sollten. Nur, wenn sie das schaffen, können sie in der Geschichte bestehen. Und, wie im Leben, müssen meine Figuren immer irgendwie dafür bezahlen, dass sie diese innere Ressourcen zum Einsatz bringen. Das gilt gleichermaßen für den jungen, schizophrenen Francis Petrel in „Die Anstalt“ wie auch für den Geschichtsprofessor, seine ihm fremd gewordene Frau und die Tochter im Teenageralter aus „Das Opfer“.
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